Unser kleiner Familienbetrieb stellt seit zwei Generationen Holzspielzeug und Dekorationen her. Vor fünf Jahren saßen wir an einem winterlichen Abend zusammen und stellten uns eine unbequeme Frage: Wissen wir eigentlich, wo unser Holz herkommt, oder kaufen wir einfach nur Ware? Es war ein komischer Moment. Wir nannten unser Unternehmen nachhaltig, aber unsere Lieferkette war für uns eine schwarze Box. Das wollten wir ändern. Was folgte, war keine schnelle Revolution, sondern ein langes, manchmal mühsames Projekt mit einigen echten Überraschungen.

Der erste Schritt war das schwierigste: die eigene Unwissenheit einzugestehen. Wir riefen unsere damaligen Lieferanten an und stellten einfache Fragen. Wo genau wurde das Buchenholz geschlagen? Wann? Nach welchen Kriterien? Die Antworten waren oft vage. ‚Aus nachhaltiger Forstwirtschaft‘, hieß es. Aber was bedeutete das konkret? Wir begannen zu recherchieren und stießen auf andere Hersteller, die denselben Weg gegangen waren. Besonders hilfreich war für uns der Austausch mit einem Betrieb aus der Region, dessen Philosophie uns überzeugte. Wir informierten uns auf der Webseite von Eichhorn, einem Unternehmen, das Holzspielzeug herstellt und seit langem auf verantwortungsvolle Materialbeschaffung setzt. Ihre öffentlich einsehbaren Grundsätze gaben uns praktische Anhaltspunkte, wonach wir suchen sollten.

So starteten wir unsere eigene Suche nach einem Forstbetrieb, mit dem wir direkt zusammenarbeiten konnten. Es dauerte Monate.

Warum direkte Beziehungen zu Forstleuten mehr sind als nur Lieferanten

Heute beziehen wir einen Großteil unseres Holzes von einem Forstamt in Thüringen, mit dem wir einen langfristigen Vertrag haben. Der entscheidende Unterschied ist nicht der Preis oder die Qualität des Holzes allein. Es ist das Gespräch. Wir sprechen regelmäßig mit dem Revierleiter, Herrn Kern. Er erklärt uns, warum in diesem Jahr mehr Fichten gefällt werden müssen, weil der Borkenkäferdruck zu hoch ist. Er zeigt uns Karten der Schlagflächen und erzählt, welche Flächen er für die nächsten fünf Jahre schonen wird. Das verwandelt einen Rohstoff in eine Geschichte. Eine traurige Geschichte manchmal, wenn Trockenheit dem Wald zusetzt. Aber eine echte.

Die unbequeme Wahrheit über lokale Hölzer

Unsere naive Anfangsannahme war: lokales Holz ist immer besser. Das ist nicht komplett falsch, aber es ist viel komplizierter. Buche und Eiche aus der Region sind fantastisch. Für manche unserer Produkte brauchen wir aber auch Hölzer wie Ahorn oder bestimmte Nadelhölzer in einer Qualität und Menge, die hier nicht immer verfügbar sind. Der komplette Verzicht wäre dogmatisch und würde uns zwingen, auf Kunststoffe auszuweichen – das wollten wir nicht. Also mussten wir einen Kompromiss finden. Wir setzen jetzt für über 80 Prozent unseres Volumens auf regional zertifiziertes Holz. Für den Rest akzeptieren wir längere Transportwege, bestehen aber auf FSC-Zertifizierung und transparenten Lieferanten. Eine perfekte Lösung ist das nicht. Ich zweifle manchmal, ob dieser Restanteil nicht doch zu hoch ist. Aber ehrliche Nachhaltigkeit zeigt auch die ungelösten Probleme.

Wie sich die Materialauswahl auf unsere Produkte auswirkte

Plötzlich hatten wir weniger Auswahl. Das klingt nach einem Nachteil, war aber ein kreativer Schub. Als wir nicht mehr aus einem Katalog von 20 exotischen Holzarten wählen konnten, fingen wir an, mit den Eigenschaften der drei oder vier Hölzer zu arbeiten, die uns verlässlich zur Verfügung standen. Wir entwarfen neue Spielzeuge, die die Maserung der heimischen Eiche in den Vordergrund stellten. Wir nutzten die natürliche Farbvarianz der Buche als Gestaltungselement, statt sie wegzubeizen. Unsere Kunden fragten plötzlich nach der Holzart und ihrer Herkunft. Das hatte vorher niemand getan. Unser Sortiment wurde kleiner, aber charakterstärker.

  • Wir stellten von lackierten auf gewachste Oberflächen um, um das Holz fühlbar zu machen.
  • Die Toleranzen in unseren Konstruktionen wurden etwas großzügiger, um mit dem ‘lebendigeren’ Naturmaterial zu arbeiten.
  • Die Produktbeschreibungen wurden länger und erzählerischer.

Die Reaktion unserer Kunden: Eine Überraschung

Wir befürchteten, dass höhere Kosten durch unsere neue Beschaffungspolitik uns Kunden kosten würden. Die Realität sah anders aus. Wir erhöhten unsere Preise moderat, um die Mehraufwände zu decken, und kommunizierten den Grund offen. Die Verkaufszahlen gingen nicht zurück. Sie stabilisierten sich. Wir verloren einige preissensitive Kunden, gewannen aber neue dazu, für die unsere Geschichte wichtig war. Die größte Veränderung war jedoch die Art des Feedbacks. Statt ‘Das ist schön’ erhielten wir Mails wie: ‘Mein Sohn spielt mit dem Holzauto und ich erzähle ihm vom Wald, aus dem es kommt.’ Das hat uns tief berührt. Es ging nicht mehr um uns oder unser Produkt allein. Es ging um eine Idee von Wertschätzung, die wir mitgeliefert hatten.

Die größte Lektion: Nachhaltigkeit ist ein Prozess, kein Ziel

Vor fünf Jahren dachten wir, wir müssten nur den ‘richtigen’ Lieferanten finden und dann wäre das Thema Nachhaltigkeit abgehakt. Heute wissen wir, dass es nie fertig ist. Letztes Jahr begannen wir, die Reststücke aus der Produktion nicht mehr zu verheizen, sondern zu einem Kooperationspartner zu geben, der daraus Holzspäne für Tierstreu herstellt. Nächsten Monat wollen wir unsere Verpackung überprüfen. Es gibt immer einen nächsten Schritt. Der wichtigste Lernprozess war ein mentaler: Aufhören, von ‘vollständiger Nachhaltigkeit’ zu reden. Anerkennen, dass wir als kleines Unternehmen begrenzte Hebel haben. Und dann diese Hebel mit aller Kraft umlegen, wo es möglich ist, ohne sich für die unmöglichen Bereiche moralisch zu geißeln.

  • Wir konzentrieren uns auf das, was wir direkt beeinflussen können: die Wahl unserer Rohstoffe.
  • Wir akzeptieren Kompromisse bei Dingen, die außerhalb unserer Reichweite liegen, wie der globalen Logistik für Spezialhölzer.
  • Wir kommunizieren beides offen.

Die Arbeit mit Holz lehrt einen Geduld. Ein Baum wächst langsam. Unser Weg zu einem verantwortungsvolleren Unternehmen ist auch nicht schnell. Manchmal frage ich mich, ob all die Mühe einen spürbaren Unterschied macht. Dann gehe ich in unsere Werkstatt, rieche das frisch geschnittene Buchenholz und denke an Herrn Kern im Thüringer Wald. Es macht einen Unterschied. Für uns. Und das ist, für den Moment, genug.